„Wahlversprechen und die möglichen Auswirkungen für die Branche“

„Wahlversprechen und die möglichen Auswirkungen für die Branche“

„Wahlversprechen und die möglichen Auswirkungen für die Branche“ – Interview mit VOTUM-Vorstand Martin Klein

insider: Welche Punkte / Überlegungen einzelner Politiker bzw. Vorschläge in den Wahlprogrammen halten Sie generell für sehr „herausfordernd“ bzw. nachteilig für die Versicherungsbranche? Und für wie wahrscheinlich halten Sie, dass sich diese Vorschläge durchsetzen?

Martin Klein: Bei VOTUM analysieren wir vor jeder Wahl die Wahlprogramme aller Parteien, die eine realistische Chance auf eine Regierungsbeteiligung haben – so auch in diesem Jahr. Auch wenn die folgende Aussage wie Wahlwerbung klingen mag, so muss man doch klar konstatieren: Nur im Wahlprogramm der FDP finden sich keine für die Vermittlerbranche nachteiligen Positionen und Vorhaben. Bei allen anderen Parteien – auch bei CDU / CSU – finden sich Positionen wieder, deren Umsetzung erhebliche Auswirkungen auf unsere Branche hätten.

Vom Provisionsdeckel in der Lebens- und Restschuldversicherung über die Abschaffung der Dualität in der Vertriebsvergütung (Pflicht zur Honorarberatung) und Obligatorien in der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge, die ohne Abschlusskosten auskommen müssen, bis hin zu Bürgerversicherungen, einer Versicherungspflicht für Selbstständige ausschließlich in der gesetzlichen Rente findet man einige Forderungen in den Parteiprogrammen, die nicht nur ungünstig für Versicherer und Vermittler wären, sondern auch direkte negative Auswirkungen auf die Verbraucher hätten. Diese Negativliste ist leider sehr lang.

insider: Inwieweit wird der Vorschlag einer lupenreinen Bürgerversicherung einmal mehr in der Schublade verschwinden – oder ist diese Reform diesmal ggf. möglich? Welche Folgen hätte die Bürgerversicherung Ihrer Meinung nach für die PKV-Branche?

Martin Klein: Das Thema Bürgerversicherung hat – wenig überraschend – bei SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Linken Einzug in die Wahlprogramme gehalten. FDP und CDU / CSU lehnen diese weitestgehend ab. Gerade die Positionierung der Grünen scheint für mögliche Koalitionsverhandlungen im Herbst dieses Jahrs von großer Relevanz – und liegt damit auch im Fokus der politischen Interessenvertretung von VOTUM. Diverse Gespräche mit entsprechenden Abgeordneten geben Grund zur Annahme, dass die Bürgerversicherung nicht das zentrale Herzensthema der Grünen zu sein scheint, weshalb wir davon ausgehen, dass der Vorschlag auch weiterhin nicht zur Umsetzung gelangt. Klar ist jedoch: Richtungsweisend hierfür ist der Ausgang der Wahl am 26. September und das Abschneiden der Grünen.

insider: Sowohl Grüne als auch SPD werden nicht müde, mehr oder minder „laut“ einen Provisionsdeckel für die Lebensversicherung zu fordern. Auch die BaFin scheint den Deckel zu befürworten. Wird ein Deckel für die LV folglich somit nicht mehr aufzuhalten sein?

Martin Klein: Der Provisionsdeckel für die Lebensversicherung war ein zentrales Anliegen der SPD – und wird es auch weiterhin sein. Unsere Gespräche mit der BaFin zeigen in der Tat, dass auch die Aufsichtsbehörde den Wunsch einer gesetzlichen Provisionsbegrenzung hat.

Für die Grünen wäre die Einführung eines Provisionsdeckels ohnehin nur ein Zwischenschritt, da die Partei weiterhin die Umstellung auf eine Honorarberatung verfolgt. Unsere Gespräche mit Bundestagsabgeordneten haben ergeben, dass dieser Übergang als „mittel- bis langfristig“ angestrebt wird – dafür möchte man sich bis zu 10 Jahre Zeit nehmen.

Kurzfristig sind wir weiterhin zuversichtlich, dass ein genereller Provisionsdeckel in der Lebensversicherung verhindert werden kann. Es sprechen sowohl gute Argumente als auch die geltende Rechtslage gegen dieses Vorhaben.

Anders sieht dies in der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge aus. Da selbst die CDU mit ihrem Wahlprogramm von einer Riester-Reform abgerückt ist und nun einen „Neustart“ mittels eines für alle Arbeitnehmer obligatorischen Standardproduktes ohne Abschlusskosten anstrebt, muss davon ausgegangen werden, dass hier, sollte es zu einer Kompromisslösung kommen, zumindest eine Begrenzung der Abschlusskosten zu erwarten ist.

insider: SPD und Grüne möchten, dass künftig alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rente einzahlen. Zudem möchte man die gesetzliche Rente stärken – und auf der anderen Seite private Lösungen (wie Riester) „auf das Abstellgleis“ schieben bzw. als digital standardisierte Lösung bereitstellen? Es scheint so, als ob einzelne Parteien mehr standardisierte, digitale Lösungen bzw. gesetzliche Rentenlösungen a la Deutschland-Rente, Garantierente, Bürgerfonds etc. in den Vordergrund schieben möchten, anstatt auf die Beratungskompetenz des Vermittlers beim komplexen Thema Altersvorsorge zu setzen: Wird die Bedeutung und Aufgabe des Versicherungsmaklers ggf. an dieser Stelle unterschätzt? Wie ist es um das Berufsbild „Makler“ bestellt und was kann die Branche tun?

Martin Klein: Zu denjenigen, die offenbar der Ansicht sind, dass Altersvorsorgesparen auch ohne Beratung möglich ist, müssen wir nach der jüngsten Veröffentlichung des Wahlprogramms nunmehr auch CDU und CSU zählen. Die Union hat für jeden Arbeitnehmer die Voreinstellung eines obligatorischen Standardprodukts ohne Abschlusskosten als eierlegende Wollmilchsau-Alternative zur notwendigen Riester Reform entdeckt.

Hier soll zwar die Möglichkeit bestehen, aus unterschiedlichen Garantieniveaus zu wählen. Wer aber die Beratung der Arbeitnehmer übernehmen soll, ist bei diesem undurchdachten Vorschlag nicht zu erkennen.

Auch soll die bisherige Wahlfreiheit der Arbeitnehmer im Bereich der geförderten Altersvorsorge – also Versicherung, Investmentfonds, Sparplan oder Wohnimmobilie – als Anlageziel offenbar massiv eingeschränkt werden. Eine solche vermittler- wie verbraucherfeindliche Positionierung war von CDU und CSU eigentlich nicht zu erwarten.

Die Politik ist offenbar nicht in der Lage, aus Fehlern zu lernen. Schon bei der Einführung der Riester-Rente meinte man, ohne die Unterstützung von Vermittlern Produkte im Markt platzieren zu können. Dies ist gescheitert und Riester wurde erst zu einem Erfolg, als auch ein angemessener Kostensatz für die Durchführung der notwendigen Beratung Berücksichtigung fand.

Ein obligatorisches Standardprodukt kann nicht die Lösung für die höchst unterschiedlichen Erwerbsbiografien von 45 Millionen Erwerbstätigen sein. Es besteht eher die Gefahr, dass sich Arbeitnehmer in der vermeintlichen Sicherheit wiegen, durch einen Minimalabschluss des Standardprodukts etwas für ihre Altersvorsorge getan zu haben, ohne ihre tatsächliche Vorsorgelücke wirklich zu kennen.

Gerade die Leistung des qualifizierten Versicherungsvermittlers bei der Ermittlung der Vorsorgelücke unter Berücksichtigung der individuellen Umstände des einzelnen Verbrauchers wird von der Politik maßlos unterschätzt.

Es bedarf diesen Berater auf Seiten des Bürgers, um ihn gegebenenfalls auch zu dem schmerzhaften Schritt des Konsumverzichts in seiner aktuellen Lebenssituation zu Gunsten der Absicherung im Alter zu überzeugen. Diese Überzeugungsarbeit kann kein Robo-Adviser leisten und man kann diese Aufgabe auch nicht den Arbeitgebern zuweisen. Dies haben die Erfahrungen in der betrieblichen Altersvorsorge gezeigt.

Der qualifizierte Berater ist in der Lage, dem Kunden aufzuzeigen, welche Auswirkungen die Wahl eines entsprechenden Garantieniveaus hat und ihm bei der passenden Auswahl fachkundig zur Seite zu stehen.

Die Politik begibt sich zudem in Widerspruch zu ihren eigenen Projekten. Die Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage ist eines der übergreifenden Themen für die nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. EU-Richtlinien geben klar vor, dass Kunden zukünftig bei jeder langfristigen Kapitalanlageentscheidung zu ihren Nachhaltigkeitspräferenzen befragt und beraten werden sollen. Obwohl die EU-Richtlinien bereits heute 15-20 unterschiedliche Nachhaltigkeitsziele kennen, meint die Union, dies mit einem Standardprodukt lösen zu können – Finde den Fehler!

Noch ist zu hoffen, dass die Parteien dem Trugbild eines one-size-fits-all-Ansatzes nicht weiter hinterherlaufen. Es ist eine der Aufgabe von VOTUM als Branchenverband, hierauf in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Jeder Makler kann dies jedoch auch unterstützten, in dem er in seinem Wahlkreis den Kontakt zum örtlichen Land- und Bundestagsabgeordneten sucht, um ihm in der Bürgersprechstunde die Bedeutung seiner Beratungstätigkeit im Alltag mit den Menschen darzulegen. Das Nutzen dieser Kontaktmöglichkeit zu Politikern vor Ort ist eine Investition in die eigene berufliche Zukunft.

 

Rechtsanwalt Martin Klein ist geschäftsführender Vorstand des Branchenverbands VOTUM Verband Unabhängiger Finanzdienstleistungs-Unternehmen in Europa e.V. An die VOTUM-Mitgliedsunternehmen sind 100.000 unabhängige Versicherungs- und Finanzanlagenvermittler angebunden. Die Mitarbeiter und Kooperationspartner unserer Mitglieder beraten über 11 Millionen Verbraucher zu Fragen der Absicherung im Alter, der Vermögensbildung und des maßgeschneiderten Versicherungsschutzes.

 

Kontakt und Presseanfragen jederzeit an:

Filip Schlosser
Leiter Hauptgeschäftsstelle
Friedrichstraße 149
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E-Mail: schlosser@votum-verband.de
Tel.: + 49 (0) 30 – 28 88 07 18


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