Interessenvertretung in der Finanzdienstleistungsbranche

Interessenvertretung in der Finanzdienstleistungsbranche

Wie mächtig ist die Versicherungs- und Finanzdienstleistungslobby in Deutschland? Wie arbeiten die Verbände? Jan Wagner vom Versicherungsinterview im Gespräch mit VOTUM-Chef Martin Klein.

 

J. Wagner: Zunächst mal hätten wir gerne gewusst, wie viele Mitglieder VOTUM hat - das sind sowohl einzelne Vermittler als Maklerpools, richtig? - Sind diese mit Ihrer Interessenvertretung zufrieden?

Martin Klein: Die Gründungsinitiative des VOTUM Verband Unabhängiger Finanzdienstleistungsunternehmen in Europa ging 1995 von den damals schon deutschlandweit und auch in Europa tätigen Allfinanzunternehmen aus. Diese wurden bald um die Maklerpools erweitert. Dieser Kern unserer Mitgliedsunternehmen wird seit langem um eine um eine Vielzahl von Fördermitgliedern erweitert. VOTUM ist bis heute ein reiner Unternehmensverband.

An die ca. 100 Mitgliedsunternehmen von VOTUM sind rund 100.000 unabhängige Versicherungs- und Finanzanlagenvermittler angebunden.

Das Einzigartige an VOTUM: Zum einen vertreten wir die Interessen der Finanzvertriebe und Pools im politischen Entscheidungsprozess und liefern Politikfolgenabschätzungen, die unseren Mitgliedern einen tiefen Einblick in die regulatorischen Anforderungen der Zukunft bietet. Zum anderen bieten wir unseren Mitgliedern ein einzigartiges Netzwerk, indem wir Vertriebe, Pools, Versicherungsunternehmen, Kapitalanlagegesellschaften und branchenspezifischen Dienstleistungsunternehmen zusammenbringen und den Erfahrungsaustausch untereinander fördern. Die großen Zukunftsthemen wie Sustainable Finance oder Open Insurance und Open Finance werden genauso behandelt wie vermeintlich kleinere Themen wie die konkrete Umsetzung des Geldwäschegesetzes oder des Umsatzsteuererlasses.

Stetig steigende Mitgliederzahlen sowie das Feedback in den festen Arbeitskreisen und den insbesondere aus den mehrtägigen VOTUM-Fachtagungen lassen darauf schließen, dass unsere Mitgliedsunternehmen zufrieden sind mit unseren Leistungen. Hier ein paar O-Töne unserer Mitglieder:

Dr. Matthias Wald, Leiter Vertrieb, Swiss Life Deutschland: „Eine hochwertige persönliche Finanzberatung ist gefragt wie nie. Unserer Branche kommt damit die gesellschaftlich sehr wichtige Rolle zu, Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Mit Hilfe von VOTUM verschaffen wir unserer Stimme im politischen Meinungsbildungsprozess endlich mehr Gehör.“

Dr. Sebastian Grabmaier, CEO, JDC Group AG: „Die ausgezeichnete Vernetzung von VOTUM zu politischen Entscheidungsträgern eröffnet uns die Möglichkeit, Themen dort zu platzieren, wo sie entschieden werden. Davon profitiert die gesamte Branche!“

Stephan Gawarecki, Vorstand, Hypoport SE: „Digital wie analog – Auf VOTUM-Veranstaltungen trifft sich die gesamte Finanzdienstleistungsbranche. Netzwerken leicht gemacht.“

Rolf Schünemann, Vorstandsvorsitzender, BCA AG: „Bei VOTUM treffen sich Vertriebe, Pools, Versicherer und Kapitalanlagegesellschaften. Dies bietet einen einzigartigen Erfahrungsaustausch begleitet und moderiert mit hoher Fachkompetenz durch die VOTUM- Verantwortlichen!“

Christopher Leifeld, Geschäftsführer, Thinksurance GmbH: „Eines der besten Entscheider-Netzwerke der Branche! Hier hilft man sich, hier wird die Zukunft gestaltet – da sind wir gerne dabei!“

 

J Wagner: Wertet VOTUM den Koalitionsvertrag der Ampel als eindeutig positiv für die Branche? Wo ist die Branche besonders gut weggekommen?

Martin Klein: Der Koalitionsvertrag zeigt: Der politische Gestaltungswille der Regierungsparteien ist da und er konzentriert sich auf das Wesentliche! Der von vielen Seiten geforderte Pragmatismus hat gefruchtet. Die Herausforderungen der kommenden Legislatur – insbesondere im Bereich der Reform der Altersvorsorge – sollen ohne ideologische Scheuklappen angegangen werden.

Es ist zudem zu begrüßen, dass sich Maximalforderungen wie ein generelles Provisionsverbot, eine Erweiterung der BaFin-Aufsicht auf 34f-Vermittler und anderer Unsinn nicht durchsetzen konnten. Das lässt auf eine faktengetriebene Kompromissfindung im Laufe der vergangenen Wochen schließen. Für diese Professionalität haben SPD, FDP und Grüne großen Respekt verdient.

Ich würde nicht sagen, dass die Branche irgendwo „gut“ oder „schlecht“ weggekommen ist, sondern vielmehr den Fokus darauflegen, dass die Verhandlungspartner sich bei ihrer Entscheidungsfindung an Fakten orientiert haben. Nehmen wir das Beispiel der Vertriebsvergütung:

Die Fakten zeigen, dass nichts dagegenspricht, die Dualität in der Vertriebsvergütung – also das Nebeneinander von Provisions- und Honorarvergütung in der Beratung – beizubehalten. Beide Vertriebskanäle haben ihre Berechtigung. Beides sollte es auch weiterhin geben. Die Beispiele England und Niederlande, wo es in der Vergangenheit durch politisches Handeln zu einem faktischen Provisionsverbot in der Beratung kam, zeigen aber eindeutig, dass es hierdurch zu einer eklatanten Benachteiligung unterer Einkommensschichten kommt und die Beratungslücke gerade bei denjenigen Menschen, die auf qualifizierte Beratung durch Profis am meisten angewiesen sind, immer größer wird.

Um es einmal auf den Punkt zu bringen: Bei der Größe der anstehenden Aufgaben der Ampelkoalition, kann es keine bedeutende Rolle spielen, ob die Vermittlung einer Hausratsversicherung zukünftig gegen Honorar oder Provision erfolgt. Das haben, nachdem sich der Wahlkampf Rauch verzogen hat, offenbar alle Parteien erkannt, was allen Beteiligten hoch anzurechnen ist.

 

J. Wagner: In welchen Geschäftsbereichen wirkt sich die Politik dagegen negativ aus? Und: Ist die Debatte über die Vergütung von Vermittler endlich abgehakt?

Martin Klein: Da die Vorhaben insbesondere im Bereich der Altersvorsorge im Koalitionsvertrag recht grob formuliert werden, wird sich sicherlich in der nahen Zukunft noch zeigen, inwiefern sich das „positiv“ oder „negativ“ auf unsere Branche auswirkt. Zwei Beispiele:

Die Ausgestaltung der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherungspflicht für Selbstständige ist noch völlig offen. Es wird sich zeigen, wie unbürokratisch die Opt-Out-Option der Kunden hin zu einem privaten Vorsorgeprodukt wirklich sein wird. Ich bin mir sicher, unsere Produktgeber in Deutschland werden – sofern es sie nicht jetzt schon am Markt gibt – in naher Zukunft attraktive Angebote für Selbstständige schaffen. Ich kann mir gut vorstellen, dass dies den ein oder anderen Verbraucher dazu bringen wird, das staatliche Produkt gegen ein attraktiveres privates einzutauschen. Das funktioniert insbesondere dann, wenn dieser Wechsel einfach, schnell und ohne großen Papierkram erfolgen kann. Gerade Selbständige haben zurecht ein besseres Gefühl, wenn ihre Altersvorsorge nicht ständig dem häufig wechselnden Gestaltungswillen des Staates ausgesetzt ist

Des Weiteren wird sich zeigen, was die Ergebnisse des Prüfauftrags der „Schaffung von Anlagemöglichkeiten mit höheren Renditen als Riester“ sein werden. Hier werden sicherlich noch viele Argumente zwischen Politik, Wirtschaft und Verbraucherschutz ausgetauscht. Wir freuen uns auf diesen Entscheidungsfindungsprozess.

Wenn ich eines in meiner 26-jährigen Verbandshistorie gelernt habe, dann ist es der Fakt, dass die Debatte um die Vertriebsvergütung wohl nie abgeschlossen sein wird. Dafür wird sie von zu vielen Akteuren – auch außerhalb der Politik – leider in großen Teilen immer noch zu ideologisch geführt. Wir werden auch weiterhin mit allen Kräften dafür eintreten, dass die Vorteile des Nebeneinanders von Provisions- und Honorarberatung auch weiterhin in der Politik Gehör finden. Unser Hauptaugenmerk muss dabei insbesondere auch Europa gelten. Gerade die europäischen Aufsichtsbehörden, aber auch die Kommission, zeigen hier Tendenzen zu einer Marktregulierung, die sich vom Leitbild der Marktwirtschaft deutlich entfernt.

 

J. Wagner: Der Ruf des Vermittlers hat in den letzten Jahren Kratzer bekommen - woran liegt das nach Einschätzung von VOTUM? Wertet VOTUM den Koalitionsvertrag der Ampel als ein klares Bekenntnis zu der Notwendigkeit der Versicherungsvermittlung? Die Versicherungsbranche erfüllt eine wichtige sozialpolitische Aufgabe - wird dies in Berlin endlich verstanden?

Martin Klein: Sicherlich gibt es Berufsgruppen, deren Ruf besser ist als der des Versicherungsvermittlers. Das wird jedoch unserer Branche bei weitem nicht gerecht.
Verbraucherbefragungen, die nicht einseitig vom Beamtenbund durchgeführt werden, zeigen im Übrigen ein ganz anderes Bild. Die allermeisten befragten Verbraucher sind mit der Leistung ihrer Berater sehr zufrieden.

Dies wird belegt durch die objektiven Daten der Verbraucherschlichtungsstellen, die für diese Berufsgruppe nur geringe Beschwerdezahlen melden. Auch die Zahlen der vom Bundesamt für Justiz anerkannten Verbraucherschlichtungsstelle für gewerbliche Versicherungs-, Anlage- und Kreditvermittlung, deren Träger der VOTUM Verband ist, zeigen jedes Jahr aufs Neue, dass bei der Vermittlung und Beratung zu Versicherungen, Kapitalanlagen und Krediten, kein systemisches Fehlverhalten im Markt beobachtet werden kann.

Die stetigen Bemühungen der Marktunternehmen und ihre konsequente Orientierung am Kundennutzen zahlen sich hier aus. Dass dies inzwischen auch in weiten Teilen der Politik angekommen scheint, zeigt der Koalitionsvertrag. Wir freuen uns, dass die zahlreichen Gespräche der Branche mit der Politik zu einem Perspektivwechsel beitragen konnten.

Wir haben bereits über die fundamentale Rolle der Versicherungs- und Anlagevermittler im Bereich der Altersabsicherung gesprochen. Ein weiteres Beispiel, um die Bedeutung der Vermittler im sozialpolitischen Kontext zu verdeutlichen: Die Umsetzung des Green Deals betrifft bekanntermaßen auch den Bereich der nachhaltigen Finanz- und Versicherungsprodukte. Für die erfolgreiche Bekämpfung des Klimawandels ist es unabdingbar, dass so viel Geld wie möglich in Branchen, Technologien und Bereiche fließt, die einen entsprechenden Beitrag für diese Jahrhundertaufgabe leisten. Dieser Shift kann nur mit Hilfe der über 200.000 Anlage- und Versicherungsvermittler in Deutschland gelingen. Es sind die Vermittler, die in der Eins-zu-Eins Beratung dem Kunden gegenübersitzen und durch einen professionellen und individuellen Abfrageprozess das passende Produkt finden und vermitteln. Ohne diesen Vertriebsweg ist dieser Wandel hin zu nachhaltigen Geldanlagen nicht vorstellbar.

Ohne die Finanzdienstleistungsbranche und ihre Berater wird uns daher weder die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft noch die Bekämpfung der Altersarmut gelingen.

 

J. Wagner: Ist VOTUM der Ansicht, dass die Mitglieder des GDV und die Versicherungsvermittler an einen Strang ziehen, wenn es um die Interessen der Branche insgesamt geht?

Martin Klein: Da kommt uns die einzigartige Mitgliederstruktur von VOTUM zugute. Neben den großen Finanzvertrieben und Pools sind die relevanten deutschen Versicherer, die mit Mehrfachagenten und Maklern zusammenarbeiten wollen, auch bei VOTUM mit an Bord und bringen sich aktiv in den Verband ein. Das führt dazu, dass beide Seiten bei den heißen Themen immer auch den Blickwinkel des Anderen und dessen Betroffenheit kennenlernen und in einem geschützten Raum miteinander diskutieren können.

Wir leben das Gebot, dass es immer besser ist, miteinander als übereinander zu sprechen, sehr aktiv. Dadurch können Lösungen entstehen, die langfristig tragen und nicht lediglich für kurze Zeit dem einem einen Vorteil verschaffen. Spannend ist auch zu beobachten, dass es zunehmend Führungskräfte gibt, die in ihrer beruflichen Vita auf beiden Unternehmensseiten Verantwortung übernommen haben. Auch dies dient der Verständigung.

Wenn es darauf ankommt, müssen wir immer konsequent die Interessen der Vermittler vertreten. Insbesondere dann, wenn es etwa wie beim Provisionsdeckel in der Lebensversicherung keine sinnvollen Kompromisse geben kann. Es gab die Befürchtungen, dass es, wie beim Sündenfall in der PKV, Versicherer gibt, die die Einführung eines solchen Deckels befürworten. Sollte es diese Stimmen gegeben haben, sind sie zumindest nicht laut geworden. Im Ergebnis erleben wir auch mit dem GDV mehr Mit- als Gegeneinander und sind in den Gremien geachteter Ansprechpartner.

Ein anderes exemplarisches Beispiel von falsch verstandener Verbandsarbeit war die Forderung nach einer Übertragung der Aufsicht über die § 34f Vermittler auf die BaFin. Es zeigte sich die Deutsche Kreditwirtschaft als Dachverband der Banken und Sparkassen als lautester Verfechter dieses Irrwegs, der tatsächlich die BaFin in ihren Kernaufgaben geschwächt hätte. Dies führte sogar zu der nahezu einmaligen Allianz einer gemeinsamen Presseerklärung von DK und VZBV. Hier galt es klar dagegen zu halten, was uns auch mit dem persönlichen Einsatz gegenüber der Politik bis zur Anhörung im Sachverständigenausschuss des Bundestages gelungen ist.

Die Deutsche Kreditwirtschaft agierte hier durchsichtig aus einer Position der Schwäche, da man erkannt hatte, dass mit ihrer Qualität in der persönlichen Beratung die § 34 f Vermittlern den Banken den Rang abliefen. So hoffte man, sich mit einem Regulierungs-Overkill lästiger Konkurrenz zu entledigen. Heute gehen Banken und Sparkassen Kooperationen mit unseren Mitgliedsunternehmen ein, um ihre Ideen von der Bancassurance verwirklichen zu können. Es bleibt abzuwarten, ob dies auch bei der Deutschen Kreditwirtschaft und ihren Trägerverbänden zu einem anderen Mindset führt.

Hervorzuheben ist, dass wir mit dem BVI einen sehr angenehmen, produktiven und wertschätzenden Austausch pflegen, bei dem wir immer wieder gemeinsame Sichtweisen auf regulatorische Herausforderungen feststellen.

Über die vielen Jahre der erfolgreichen Verbandsarbeit hinweg haben wir grundsätzlich festgestellt: Gemeinsam kann man, insbesondere in Europa, immer mehr erreichen als allein. Dies hat uns auch dazu bewogen, seit über 10 Jahren eine tragende Rolle im europäischen Dachverband der Anlageberater FECIF zu übernehmen. National suchen wir gern den Schulterschluss mit anderen Verbänden wie AfW, BDV, BDVM und BVK und.

Wir waren zudem der erste Vermittlerverband, der eine Forumspartnerschaft mit dem FNG eingegangen ist, um gemeinsam die wichtige Umsetzung von Nachhaltigkeitspräferenzen in der Anlage und Versicherungsberatung zu gestalten.

Wir bei VOTUM zeigen uns daher für unsere Verbandskollegen immer gesprächsbereit.

 

Rechtsanwalt Martin Klein ist geschäftsführender Vorstand des Branchenverbands VOTUM Verband Unabhängiger Finanzdienstleistungs-unternehmen in Europa e.V. An die VOTUM-Mitgliedsunternehmen sind 100.000 unabhängige Versicherungs- und Finanzanlagenvermittler angebunden. Die Mitarbeiter und Kooperationspartner unserer Mitglieder beraten über 11 Millionen Verbraucher zu Fragen der Absicherung im Alter, der Vermögensbildung und des maßgeschneiderten Versicherungsschutzes.

 

Kontakt und Presseanfragen jederzeit an:

Filip Schlosser
Leiter Hauptgeschäftsstelle
Friedrichstraße 149
10117 Berlin
E-Mail: schlosser@votum-verband.de
Tel.: + 49 (0) 30 – 28 88 07 18


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