Open Insurance – Chancen und Gefahren für die Finanzdienstleistungsbranche

Open Insurance – Chancen und Gefahren für die Finanzdienstleistungsbranche

Open Insurance – Chancen und Gefahren für die Finanzdienstleistungsbranche

Big Data, Artificial Intelligence, Big Tech, SupTech, Financial Home, Data Ecosystem, Framework, API, GDPR, PSD2, DFS, KYC, IPID, NCA – das ist nur ein kleiner Auszug an Abkürzungen und Bezeichnungen, die immer wieder im Zusammenhang mit dem Zauberbegriff Open Insurance fallen. In diesem Gastbeitrag werden Sie jedoch weitestgehend vergeblich danach suchen. Vielmehr wollen wir den Versuch wagen, uns gemeinsam auf die Reise zu machen und zu verstehen, was mit „Open Insurance“ wirklich gemeint ist sowie welche Chancen und Gefahren auf die Finanzdienstleistungsbranche zukommen könnten.

Was ist Open Insurance?

Bei dieser auf dem ersten Blick maximal einfachen Frage stoßen wir bereits auf die erste Herausforderung: Es gibt keine allgemeingültige Definition von Open Insurance. Dennoch lässt sich dieser Megatrend möglichst einfach und ohne Abkürzungen folgendermaßen zusammenfassen:

„Open Insurance ist die unternehmensübergreifende Nutzung standardisierter und strukturierter Daten innerhalb digitaler Ökosysteme und Wertschöpfungsketten zur Entwicklung individualisierter, neuer Angebote für Kunden.“

Open Insurance kann also ein Weg sein, möglichst schnell und auf dem Punkt genau dem Kunden in der Welt der Versicherungen weiterhelfen zu können. Die kundenzentrierte, gemeinsame Nutzung von standardisierten Daten soll dabei im Mittelpunkt stehen.

 

Was braucht es für Open Insurance?

Drei Dinge müssen gegeben sein, damit Open Insurance überhaupt eine Chance am Markt haben kann:

1. Daten: Die Datenmengen müssen erfasst, aufbereitet, integriert, analysiert und in verschiedenen Anwendungsfällen genutzt werden können.

2. Digitale Ökosysteme: Ohne ganzheitliche Vernetzung an der Wertschöpfungskette entlang hat Open Insurance nicht wirklich eine Chance. Dazu braucht es auch eine zunehmende branchenübergreifende Vernetzung zwischen möglichst vielen Akteuren: Verbraucher, Vermittler, Vertriebe, Versicherer, Banken, Hersteller, Dienstleister und und und.

3. Finanzdienstleistungen: Damit Open Insurance richtig am Markt funktionieren kann, muss es zu einer Entwicklung hin zu stärker vernetzten und ganzheitlichen Ansätzen bei Finanzdienstleistungen kommen.

 

Wie gelingt Open Insurance?

Um als Versicherer, Finanzvertrieb oder Maklerpool beim Thema Open Insurance mitspielen zu können, müssen insbesondere die unternehmenseigene Datenquantität und -qualität stimmen. Hier hat die Finanzdienstleistungsbranche einen entscheidenden Vorteil: Niemand kennt seine Kunden so gut wie wir! Im Vergleich zu anderen Branchen werden in der Finanzberatung viele, relevante und hervorragend verwertbare Daten aufgenommen. Diese gilt es systematisch zu integrieren, zu analysieren – und schließlich zu nutzen.

 

Welche Chancen und Risiken bringt das für die Finanzdienstleistungsbranche mit sich?

Die Chancen für die Finanzdienstleistungsbranche liegen auf der Hand: Ein digitales Ökosystem mit Versicherungsdaten bietet die Chance, dem Verbraucher die Kernkompetenzen vieler Unternehmen integrativ und damit auf einen Blick zur Verfügung zu stellen. Das schafft neue Mehrwerte in vielen Bereichen und bedient zugleich die durch andere Plattformlösungen à la GAFA geförderte Erwartungshaltung der Kunden, ganzheitliche, passgenaue Angebote und Lösungen zu erhalten. Durch das gezielte Öffnen von möglichst standardisierten Datenschnittstellen zu anderen Marktteilnehmern können damit neuartige Angebote, Services oder ganze Geschäftsmodelle gestaltet werden.

Apropos GAFA: Fast jede Chance bringt jedoch ebenso Gefahren mit sich – so ist es auch im Bereich von Open Insurance. Fast überall, wo große Datenschätze zur Verfügung stehen, sind Google, Amazon, Facebook, Apple und Co. nicht weit entfernt. Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen für die Finanzdienstleistungsbranche, wie wir sie heute kennen. Ein digitales Ökosystem mit standardisierten Datenschnittstellen öffnet Tür und Tor für die Global Player dieser Welt – als mittelständischer Produktgeber diesen Multimilliarden-Konzernen mit Erfolg die Stirn zu bieten wäre bei einer solchen angedachten Datenlandschaft eine echte Mammutaufgabe.

Für Vertriebe und Makler verbleibt aber der große Vorteil, dass sie dem Kunden eben nicht nur digital begegnen, sondern wo erforderlich immer auch persönlich. Marktstudien haben bestätigt, dass sowohl bei der umfassenden Beratung als auch im Schadenfall dies eine Schlüsselkompetenz ist – eine Schlüsselkompetenz, die auch die nächsten Jahre weiterhin den Unterschied machen wird.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den es zu entkräften gilt, bevor das Thema Open Insurance in der Fläche attraktiv werden kann: Standardisierung heißt immer auch Vergleichbarkeit. Ein digitales Ökosystem mit Versicherungsdaten, wie es sich die Vordenker in diesem Bereich wünschen, würde maximale Vergleichbarkeit jeglicher Produkte, Services und Leistungen bedeuten. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind uns allen bekannt. Das muss jedem Akteur bewusst sein, der dieses Spiel mitspielen möchte.

Und schon sind wir bei der potenziellen Sollbruchstelle beim Thema Open Insurance: Das Öffnen des „Datenschatzes“ des Unternehmens durch Schnittstellen – sogenannten APIs (Application Programming Interface) oder „Open-API-Portalen“. Abgesehen von den – aktuell insbesondere auf europäischer Ebene laufenden – Debatten zur Regulierung der Branche in diesem Bereich, des Wettbewerbs und der Datenteilung, wird sich zeigen, inwiefern die Finanzdienstleistungsunternehmen bereit sind, den Zugang zu ihrem höchsten Gut – die Informationen über den Verbraucher – zu gewähren und damit einen bedeutenden Teil ihrer Wertschöpfung anderen Akteuren zur Verfügung zu stellen.

 

Was passiert bereits jetzt im Bereich Open Insurance?

Wenngleich sich bereits heute einzelne Versicherer für ihre eigenen Schnittstellen bereits heute Open-API-Portale anbieten, fehlt es insgesamt in der Versicherungswirtschaft jedoch weiterhin an standardisierten, branchenübergreifend nutzbaren APIs und Prozessen, die – selbstverständlich unter der Wahrung der Datenhoheit des Kunden – eine flexible Anbindung von Drittanbietern erlauben und damit den Aufbau von Plattformgeschäftsmodellen unterstützen.

Eine Initiative, die versucht, genau diese Lücke zu schließen, ist FRIDA. Die Free Insurance Data Initiative hat zum Ziel, offene Standards im digitalen Versicherungswesen zu etablieren. Dabei setzt FRIDA unter der Beteiligung namhafter Unternehmen wie dem HDI oder der ALH Gruppe auf eine strukturierte Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Versicherten und weiteren Akteuren in digitalen Ökosystemen.

Es wird sich zeigen, wie groß die Bereitschaft der Branche sein wird, sich der noch jungen, aber sehr ambitionierten Initiative – und damit auch dem Überthema Open Insurance – zu öffnen. Klar ist aber, dass digitale Ökosysteme über kurz oder lang auch vor der Versicherungswirtschaft nicht Halt machen werden. Im großen VOTUM-Netzwerk, welches insbesondere für die Vernetzung zwischen Finanzvertrieben, Maklerpools, Versicherungen, Kapitalanlagegesellschaften und Branchendienstleistern steht, wird das Thema jedenfalls nicht so schnell von der Agenda verschwinden. Diskussionsrunden wie auf der jüngsten VOTUM-Fachtagung mit Stefan Butzlaff (tecis Finanzdienstleistungen AG), Marcus Rex (Hypoport SE), Julius Kretz (ALH Gruppe / FRIDA) und Dietmar Schmidt (mexxon consulting GmbH & Co. KG) Anfang November in Berlin wird es auch in Zukunft wieder geben. Hier wurde deutlich, dass die Vertriebe und Plattformen sich dem Thema aktiv und angstfrei als Treiber widmen wollen und nicht bloß als Beobachter abwarten werden, bis andere Markteilnehmer die Erträge ernten. VOTUM wird dies mit seiner einzigartigen Mitgliederstruktur im Interesse seiner Mitglieder auch weiterhin fördern.

 

Rechtsanwalt Martin Klein ist geschäftsführender Vorstand des Branchenverbands VOTUM Verband Unabhängiger Finanzdienstleistungs-unternehmen in Europa e.V. An die VOTUM-Mitgliedsunternehmen sind 100.000 unabhängige Versicherungs- und Finanzanlagenvermittler angebunden. Die Mitarbeiter und Kooperationspartner unserer Mitglieder beraten über 11 Millionen Verbraucher zu Fragen der Absicherung im Alter, der Vermögensbildung und des maßgeschneiderten Versicherungsschutzes.


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